Rezensionen

Claudia Koppert / Beate Selders (Hg.)

Hand aufs dekonstruierte Herz 
Verständigungsversuche in Zeiten der politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen

Rezensentin: Claudia Pinl

Feministische Theoriebildung der letzten 20 Jahren gleicht einer Achterbahnfahrt. Während sich zu Beginn der zweiten Frauenbewegung der Feminismus zu seiner geistesgeschichtlichen Herkunft aus der europäischen Aufklärung bekannte, kristallisierten sich in den achtziger Jahren verschiedene Denkrichtungen heraus, die nicht mehr  die Gleichheit der Geschlechter als Rechtsanspruch betonten, sondern das Recht auf „Andersartigkeit“. Dieses nun positiv bewertete „Andere“ der Frauen erwies sich jedoch als Wiederkehr altbekannter patriarchaler Vermutungen über „Weiblichkeit“. Gleichzeitig thematisierten nichtweisse Frauen, Migrantinnen, Lesben und behinderte Frauen das Verwobensein bürgerlicher Frauen mit der herrschenden Dominanzkultur. Für den Feminismus als Theorie galt es fortan, auch die Differenzen unter Frauen zur Kenntnis zu nehmen. Das „Wir“ einer einheitlichen Frauenbewegung geriet so immer mehr zur Schimäre. Unter Anführung der amerikanischen Theoretikerin Judith Butler versetzte der Dekonstruktivismus dem kollektiven Subjekt „Wir Frauen“ scheinbar den Todesstoss, indem er „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“, ja die Zweigeschlechtlichkeit selbst als Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse interpretiert, deren Zwanghaftigkeit wir bis zu einem gewissen Grade aufbrechen können durch „performative Subversion“, durch Rollentausch, Kleidertausch, Travestie - Spielarten der „Gender Performance“, die unter dem Namen „Queer“ bekannt geworden sind.

Die Autorinnen des Sammelbandes stellen die vor allem unter jüngeren Akademikerinnen populären dekonstruktivistischen Gender-Theorien vom Kopf auf die Füße und siehe da: Für die Auseinandersetzung mit dem Alltag von Frauen, der Frauenpolitik in Zeiten des Globalkapitalismus bieten diese seltsam realitätsfernen Theorien wenig.

Es ist zwar das Verdienst dekonstruktivistischer Ansätze, die in Teilen der Frauenbewegung immer noch gepflegten Vorstellungen einer „natürlichen Weiblichkeit“, die der „Männlichkeit“ überdies überlegen ist, den Boden zu entziehen. Gleichzeitig bleibt „Queer“ aber ein seltsam blutleeres, unpolitisches Konzept, weil reale Machtverhältnisse, zum Beispiel die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, Zugang zu Ressourcen und Positionen und die Frage nach der Männergewalt ausgeblendet bleiben.

Der Untertitel des Bands mit dem Hinweis auf die „politisch-theoretische Selbstabschaffung von Frauen“ lässt vermuten, dass die Autorinnen hier aus differenz-feministischer Sicht die Bastion einer „natürlich“ vorgegebenen „Weiblichkeit“ zurück erobern wollen. So einfach machen sie es sich jedoch nicht. Vor allem Claudia Koppert argumentiert in ihren Beiträgen plausibel, dass die Herausbildung von Geschlechtsrollen der „Bedingung unserer Existenz“, den unterschiedlichen Funktionen der Geschlechter bei der Fortpflanzung und der Tatsache, dass wir alle von Frauen geboren wurden, geschuldet sind. Eine andere Frage ist, wie die Geschlechtlichkeiten in unterschiedlichen Gesellschaften ausgestaltet sind und  wie wir als Feministinnen sie gegebenenfalls neu gestalten wollen. Kopperts Fazit: Nicht das Geschlecht oder die Zweigeschlechtlichkeit als solche sind der Grund unserer Unterdrückung, sondern die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die immer wieder Gruppen von Menschen, und in unterschiedlichem Ausmaß vor allem den Frauen, Würde, Freiheit, Selbstbestimmung verweigern.


Claudia Pinl arbeitet als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten: Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf. 

 

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Ulrike Helmer Verlag:   2003 Seitenzahl: 159 ISBN: 3-89741-120-2  Preis: 12,95 EUR, 22,80 sFr.

Regina Frey

Gender im Mainstreaming Geschlechtertheorie und -praxis im internationalen Diskurs

Rezensentin: Claudia Pinl

Ende der sechziger Jahre unterschieden amerikanische SozialwissenschaftlerInnen erstmals zwischen sex, dem biologischen Geschlecht, und gender, der sozialen Geschlechterrolle. Spätestens  mit dem Paradigmenwechsel von „Frauenpolitik“ zu „Gender Mainstreaming“ in der EU ist der „Gender-Ansatz“ über akademische Theoriediskussionen hinaus auch in der Bundesrepublik zu einem politischen Begriff geworden.

Wer schon immer mal wissen wollte, was es mit diesem Begriff, der nur durch Umschreibung ins Deutsche zu übersetzen ist, eigentlich auf sich hat, ist mit dem Buch von Regina Frey gut bedient. Die Autorin beschreibt in relativ einfacher und klarer Sprache die wechselvolle Geschichte des Begriffs „Gender“ in seiner ganzen Mehrdeutigkeit. Diente  er ursprünglich dazu, scheinbar vorgegebene biologisch determinierte Geschlechtlichkeit von erlerntem „männlichen“ und „weiblichen“ Verhalten zu unterscheiden, so wird die Vorstellung, es gebe eine ahistorische,  „natürliche“ Männlichkeit  oder Weiblichkeit inzwischen durch  konstruktivistische bzw. dekonstruktivistische Denkansätze kritisiert. Neuere feministische Theorien betonen vor allem das Prozesshafte des doing gender. Dieser Prozess, der ein Stück weit für Wandlungen offen ist, wird mit dem Geschlecht als stabiler Analyse-Kategorie nur unzureichend erfasst. Mehr noch, der Blick durch die „Genderbrille“ kann so gesehen sogar noch zur Verfestigung von Geschlechterstereotypen beitragen, statt sie aufzulösen. Regina Frey plädiert dafür, die „Genderbrille“ selbst in die Analyse einzubeziehen, zu untersuchen, aus welchem „Vorstellungsmaterial“ sie besteht, um so eine politisch wünschenswerte  Durchlässigkeit für „männliches“ und „weibliches“ Verhalten zwischen den Individuen zu ermöglichen.

Im zweiten Teil des Buchs folgt eine empirische Untersuchung, welche Interpretationen von sex und gender in entwicklungspolitischen Zusammenhängen angewendet werden.  Frey untersucht zu diesem Zweck sowohl die entwicklungspolitischen Leitlinien von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen  wie deren Praxis bei gender trainings. Die Autorin, die selbst als Gender Trainerin arbeitet, kommt zu dem Schluss, dass die  neueren Gendertheorien an fast allen Institutionen vorbei gegangen sind, so dass die Gefahr besteht, dass im entwicklungspolitischen Diskussionszusammenhang der Gender-Ansatz bestehende Geschlechterverhältnisse eher verfestigt statt sie in Frage zu stellen.


Claudia Pinl arbeitet als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten: Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf. 

 

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Ulrike Helmer Verlag:   2003 Seitenzahl: 217 ISBN: 3-89741-083-4  Preis: 19,95 EUR, 36,00 sFr.

Michaela Moser / Ina Praetorius (Hg.)

Welt gestalten im ausgehenden Patriarchat

Rezensentin: Claudia Pinl

Der Band dokumentiert eine Tagung, auf der sich 2002 in Salzburg über 30 Frauen und ein Mann die Frage nach einer neuen Ethik im ausgehenden Patriarchat stellten.

Das bereits 1996 von den „Mailänderinnen“ ausgerufene „Ende des Patriarchats“ wollen die Herausgeberinnen verstanden wissen als Absage an die Allmacht und Allgegenwart der androzentrischen Ordnung. In dieser Situation, in der sich bisher prägende kulturelle Übereinkünfte auflösen, gelte es, sich mit alten marginalisierten Lebens- und Wirtschaftsstilen neu zu beschäftigen und ethische Neuorientierungen auf unterschiedlichen theoretischen und praktischen Feldern zu dokumentieren und zu verknüpfen.

Herausgekommen ist ein buntes Sammelsurium von Beiträgen zum Thema „Das gute Leben“. Sie reichen von  erkenntnisphilosophischen Gedankenexperimenten (Rose Killinger, „Osmosophie Oder: Überlegungen zur Durchlässigkeit der Welt“) bis zu Lebensalltags-Berichten über Tauschwirtschaft und Toilettenputzen.

Persönlich hat mir am besten der Beitrag der niederländischen Theologin Anne-Claire Mulder zu einer „Ästhetik des Dazwischen“ gefallen. Ausgehend von Luce Irigarays Gedanken einer nicht aufhebbaren Differenz zwischen Subjekten  plädiert Mulder für eine Beziehungsethik, in der das Anderssein der Anderen nicht als Negation des Selbst erlebt wird, sondern zum Ausgangspunkt für eine „Leidenschaft des Staunens“ wird - sowohl in der Liebe wie unter gesellschaftlichen Gruppen anwendbar - so lange „Differenz“ nicht Machtstrukturen kaschiert.

Leserinnen, die Informationen darüber suchen, was aus einigen in den achtziger Jahren heiß diskutierten feministischen Themen wie „Bioethik“, „Fürsorge“ (Care) oder der „Gewalt“-Frage jenseits der eindeutigen Opfer-Täter-Dichotomie geworden ist, werden mit den einschlägigen Kapiteln gut bedient. Weniger befriedigend ist das Kapitel „Anders Wirtschaften“. Die Auseinandersetzung unter feministisch-ethischen Aspekten mit dem entfesselten Global-Kapitalismus findet allenfalls in Randbereichen statt.


Claudia Pinl arbeitet als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten: Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf. 

 

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Ulrike Helmer Verlag:   2003 Seitenzahl: 312 ISBN: 3-89741-125-13  Preis: 24,50 EUR, 43,80 sFr.

Gerda Lerner

Ein eigener Tod

Rezensentin: Sina A. Vogt

Am 26. August 1973 stirbt Carl Lerner, der Ehemann der Autorin. 16 Monate vorher wurde ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Seine Frau begleitet sein Sterben. „Ein eigener Tod“ ist ihr Erfahrungsbericht, der erstmals 1978 erschienen ist, 1979 in Deutsch. Der Ulrike-Helmer Verlag hat nun eine Neuauflage herausgebracht.

Gerda Lerner beschreibt den Abschied von ihrem Mann nach über 30 erfüllten Ehejahren, die Mühen der häuslichen Pflege des immer schwächer Werdenden. Anfang der 70er gibt es noch keine Hospizbewegung, ihre Entscheidung für häusliche Pflege stößt auf heftigen Widerstand der professionellen Pfleger. 
Ihre Entscheidung, ihrem Mann zu sagen, dass er nicht gesund werden wird, sondern stirbt, muss sie gegen den heftigen Widerspruch der Ärzte treffen. Sie haben Angst, der Patient könne sich dann umbringen. 
Auch seine Frau befürchtet das, doch Carl reagiert auf die Eröffnung anders : Die Diskussionen aus vorangegangenen, gesunden Zeiten – bitte hilf mir zu sterben, wenn ich ein Krüppel bin – verlieren ihre Gültigkeit, als er halbseitig gelähmt ist. Denn seine Lebenskraft – und mitunter seine Lebensfreude – sind alles andere als „verkrüppelt“. So wird der fortschreitende Zerfallsprozess immer neu zum „Normalzustand“, „Krankheit“ immer neu definiert als das was noch kommen wird. Sterben ist nicht leicht – und bis zuletzt ist Leben.

Die Trennung von ihrem Mann beginnt lange vor dem physischen Tod mit einer schweren Erkenntnis ein: Sterben muss jeder Mensch allein. „Der Tod ist unerbittlich und außerhalb des Bereichs menschlicher Kontrolle.“ Für den Sterbenden wie für die Überlebende – aber auf sehr unterschiedliche Weise. Dabei hält die fortschreitende Krankheit immer neue Herausforderungen bereit – Carl Lerner bekommt Anfälle, die Chemotherapie schwächt ihn, schlägt nicht an.  

Gerda Lerner hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, der Verlauf der Krankheit und das Sterben sind einmalige Geschehnisse. Und doch berührt ihr Text nicht nur durch ihre Ehrlichkeit, sondern durch einfache, bescheidene – und manchmal nicht leichte – Einsichten. War vorher Krankheit etwas schreckliches, welches Unabhängigkeit bedroht, so lernt sie mit ihrem kranken Mann: „Abhängigkeit wurde jetzt etwas, auf das man durch heitere Annahme der Hilfe anderer reagieren konnte.“ 
Einen geliebten Menschen durch eine Krankheit zum Tod zu begleiten, das ist auch für die Überlebende ein schwerer Prozess: Hat er einen schlimmen Anfall, wünscht sie in einem Moment Koma und Tod herbei, im nächsten wünscht sie einfach, dass er weiterlebt, bei ihr bleibt. Noch einen Tag. Wie der, als Carl nach dem Verlust des Hörvermögens sterben will – und sie ihm ein Hörgerät besorgt. Daraufhin haben sie einen ihrer schönsten Tage dieses letzten Jahres in New York, den Geräuschen in Straßen und Parks lauschend.  Solange er lebt, bleibt das Wissen darum, dass er bald tot sein wird, unbegreifbar. Wie wird es sein wenn er aufhört zu sein?  

Die Autorin verknüpft die Erinnerung an das Sterben ihres Mannes mit Erinnerungen an andere Begegnungen mit dem Tode, vor allem als verfolgte Jüdin in der Nazizeit und dem Verlust von Verwandten in den Vernichtungslagern, den Tod der Mutter an Leukämie. „Der Tod ist ein willkürliches, unvermeidliches Unglück“ sagt Gerda Lerner. 
Ihr Resümee ist eine Vorwegnahme der Prinzipien der Hospizbewegung: Jeder Mann und jede Frau hat das Recht auf den eigenen Tod. Sterben ist ein schwerer, schmerzhafter Prozess – nichts davon erspart sie den Leserinnen und Lesern. Den Sterbenden zu ihrem eigenen Tod zu helfen ist sehr schwere Arbeit. Und ein letzter Liebesdienst. Das ist es, was dieses Buch so wundervoll macht, so kraftvoll – so aktuell.


Sina A. Vogt ist Journalistin für Printmedien, Hörfunk und Fernsehen.

 

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Ulrike Helmer Verlag:   2001 Seitenzahl: 260 ISBN: 3-89741-076-1  Preis: 17,50 EUR, 31,70 sFr.

Marianne Krüll

Käthe, meine Mutter

Rezensentin: Marlies Hesse

Wer die erfolgreichen Biografien der Soziologin und Schriftstellerin über das Familiennetz von Thomas Mann oder über die ungelöste Vaterbindung von Sigmund Freud gelesen hat, wird sich zunächst fragen, was Marianne Krüll bewegt haben mag, die Lebensgeschichte ihrer Mutter aufzuschreiben. Dass die eigene Familiengeschichte ebenso interessant ist wie die von Berühmtheiten, offenbaren bereits die fesselnden Anfangskapitel des Buches, die sie ihren Vorfahren widmet. Im Blickfeld auf ein Jahrhundert Zeitgeschichte in Ost und West hat sie alle wichtigen Lebensstationen ihrer Mutter eingebettet. Damit eröffnet sie den Leserinnen zugleich die Möglichkeit, Parallelen oder Ähnlichkeiten zu ihrem Elternhaus zu ziehen. Gute und negative Erfahrungen werden wie von selbst wach und geben Anlass, emotionale Bindungen von Eltern und Kindern neu zu überdenken. Mit der Frage „Wer war meine Mutter?“ stellt sich Marianne Krüll (65) bewusst ihrer eigenen Geschichte, die für sie zu einer Art Gratwanderung wird. Viele Töchter der Nachkriegszeit sehen ihre Mutter ebenso beschrieben wie Käthe: eine unscheinbare Frau, die den Zeiten entsprechend „einfach“ und „bescheiden“ lebte.

Für die Auseinandersetzung mit ihrer seit über 25 Jahren verstorbenen Mutter wählte die Autorin die Form der direkten Ansprache, so als könne sie ihr noch Fragen stellen. Die Erzählungen über die Vergangenheit gewinnen dadurch an kraftvoller Intensität. Ihre Recherchen führen sie in viele Orte und auf Fährten zu dem, was Familie bedeutet. Bei Verwandten und Freunden betreibt sie Nachforschungen. Mit der ergänzenden Foto-Auswahl lässt sie einen Eindruck vom Äußeren der beschriebenen Personen lebendig werden. Vor allem sind es aber Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, mit denen sie den bisher ihr unbekannt gebliebenen Teil des Lebens ihrer Mutter rekonstruiert. Mühsam hat sie  alles zusammengetragen, was sie über ihre Herkunft erfahren konnte. In vergoldeten Bildern entfaltet sie das Paradies einer behüteten Kindheit. Sie wird sich wieder all der Gefühle bewusst, die sie seit jungen Jahren empfand. Schicht um Schicht deckt sie verschüttete Erinnerungen auf. Unerschrocken stellt sie sich den Verstrickungen und dem großen Zerwürfnis mit ihrer Mutter in ihrer studentischen „Revoluzzerzeit“. Vorsichtige Annäherungsversuche gab es zwar anschließend, aber zu einer Versöhnung kam es nicht mehr. „Wir waren beide gefangen in den Mauern, die jede um sich herum aufgerichtet hatte“, schreibt sie. Mit großer Offenheit schildert die Autorin ihre Gefühle der Ablehnung und Befreiung von der Mutter, lastet ihr auch noch in der Erinnerung Fehler an. Andererseits gesteht sie ein, die Mutter unnötig verletzt zu haben. Für den Schock und die Trauer, die der frühe Tod der Mutter in ihr auslösten, findet sie ihren ganz persönlichen Ausdruck. Sich von Selbstvorwürfen zu lösen, gelingt ihr erst bei ihrer Spurensuche in die Vergangenheit und durch die schriftliche Aufzeichnung der Erlebnisse. Verständlich, dass sie sich dabei oftmals so vorkommt, als schriebe sie nicht über sich selbst, sondern über eine andere, ihr fremde Person. Doch gerade aus der Darstellung widerstreitender Gefühle gewinnt das Buch an Lebendigkeit und Authentizität.

Der Frauenbewegung verdankt sie es letzthin, den Konflikt mit ihrer Mutter als Auswirkung einer patriarchalen Gesellschaft richtig einzuordnen. Immer mehr begriff sie, welche Kraft Mütter noch vor Jahrzehnten entwickeln mussten, um ihr Leben zu meistern. Von daher gesehen ist es verdienstvoll, dass Marianne Krüll inzwischen Frauen in Seminaren die Erkenntnis vermittelt, dass keine noch so erstarrte Mutter-Tochter-Beziehung in einer Verhärtung stecken bleiben sollte.

Marlies Hesse ist Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in verschiedenen Netzwerken. Ihr Schwerpunkt liegt beim Thema „Frauen und Medien“.
 

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Christel Göttert Verlag:   2001 Seitenzahl: 288 ISBN: 3-922499-52-X  Preis: 22,50 EUR, 41,00 sFr.

Monica Streit

Wohin mit dem Ego? Spiritualität und Psychotherapie

Rezensentin: Claudia Pinl

Das Christentum, die angestammte Religion des Westens, schlägt hierzulande kaum noch jemand in ihren Bann. Rationalität und Aufklärung, Jugendkult, Individualismus und Spaßgesellschaft scheinen ganze Arbeit geleistet zu haben. Auf der anderen Seite wächst der spirituelle Hunger, das Bedürfnis nach Sinn, nach Rückbindung an eine andere, geistige Wirklichkeit. Feministinnen, die späten Töchter der Aufklärung, liefen bereits Ende der siebziger Jahre scharenweise dem indischen Guru Bhagwan zu. Inzwischen sind es vor allem unterschiedliche Spielarten des Buddhismus, die auf Frauen anziehend wirken.

Eine zentrale Botschaft, mit der sie dort konfrontiert werden, lautet: Die Befangenheit im Selbst, das unaufhörliche Kreisen um das eigene Ich, sind Ursache für Leid, das eigene wie auch das Leid in der Welt. Friede, Harmonie und Glück, innen wie außen, hängen von der Fähigkeit der Menschen ab, ihr Ego zu verkleinern, Mitgefühl und Hingabe an die Stelle des Egos zu setzen. Anscheinend also das genaue Gegenteil dessen, was in den Frauengruppen von den siebziger Jahren bis heute gelehrt wird: „Ich“ zu sagen, den eigenen Willen zu entwickeln, auf Selbstbestimmung und Selbstentfaltung zu pochen.

Monica Streit warnt davor, diese feministischen Lehren zugunsten eines scheinbar schnellen Vorankommens auf dem spirituellen Weg kurzfristig über Bord zu werfen. Sie hinterfragt die für westliche Menschen so attraktiven Ratschläge spiritueller Meister und Meisterinnen im Umgang mit dem Ich aus feministischer und psychoanalytischer Sicht. Haben doch gerade Frauen in Jahrtausenden gelernt, dass es nicht darauf ankommt, was sie wollen und wünschen, sondern allein auf ihre Fähigkeit, auf das Wollen und Wünschen anderer einzugehen. Streit macht deutlich, dass für die meisten Frauen nicht der Ich-Abbau, sondern im Gegenteil die Stärkung des Ichs immer noch auf der Tagesordnung steht. Wo ein schwaches „weibliches“ Ich zugunsten eines ohnehin fordernden Über-Ichs weiter abgebaut wird, sieht die Schriftstellerin und Psychotherapeutin nicht nur keine Heilung sondern sogar seelische Gefahren. Ein starkes Ich, das die divergierenden Ansprüche zwischen dem Unbewussten (Es), der moralischen Norm (Über-Ich) und der Realität  der Außenwelt in ein für das Individuum glückliches Miteinander bringt, vollbringt eine große Leistung. Das reife realitätstüchtige Ich schafft demnach überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass der Mensch die in den östlichen spirituellen Lehren so wichtigen Haltungen einnehmen kann: Besonnenheit, Hinschauen, Hinhören, Wahrnehmen, was ist. Ein solches reifes Ich ist auch in der Lage, die Ratschläge spiritueller Meister/innen daraufhin zu befragen, ob sie der eigenen Realität angemessen sind oder nicht.

Monica Streit kennt ihr Thema aus eigener Lebenserfahrung und schreibt aus einer Position grundsätzlicher Sympathie vor allem für die Lehren der Buddhistin  Ayya Khema. Sie plädiert für einen Dialog zwischen westlicher Psychoanalyse und östlichen spirituellen Lehren. Was allerdings voraussetzt, dass letztere bereit sind, sich mit den „westlichen“ Erkenntnissen ernsthaft auseinander zu setzen.

 
Claudia Pinl arbeitet als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten: Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf.

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Orlanda:   2001 Seitenzahl: 180 ISBN: 3-929823-77-2  Preis: 17,50 EUR, 33,00 sFr.

Ruth Andreas-Friedrich

Der Schattenmann. Schauplatz Berlin - Tagebuchaufzeichnungen 1938-1948

Rezensentin: Gisela Medzeg

Mit ihrem Tagebuch will Ruth Andreas-Friedrich Zeugnis dafür ablegen, dass Tausende und aber Tausende von Menschen mit den Untaten der Nazis nichts zu tun hatten. „Sie haben“, wie sie bereits im Oktober 1945 in ihrem Vorwort schreibt, „im Gegenteil, jahraus, jahrein, Leben und Freiheit dafür eingesetzt..., wo immer sie nur konnten, der Menschlichkeit zu dienen“ (S.10). Das klingt nach Heldengeschichte. Doch ist gerade der völlige Mangel an Pathos das Besondere an diesem Tagebuch, das die Leserin schnell in seinen Bann zieht. In beeindruckender Mischung verbindet Ruth Andreas-Friedrich die Beschreibungen der Nöte und des Leidens im Alltag mit dem selbstverständlich gelebten persönlichen und politischen Einsatz für Verfolgte des Nazi-Regimes. In ihren Beobachtungen steckt oft ein tiefer Sinn für Komik; in ihren Selbstwahrnehmungen spürt sie den eigenen Grenzen nach.
„Onkel Emil“ nennt sich die Widerstandsgruppe, der neben der 1901 geborenen Schriftstellerin u.a. ihre Tochter, ein Dirigent, zwei Ärzte und ein Journalist angehören. Die Gruppe entwickelt Witz und Phantasie in ihren Aktionen. Zugleich setzt sie sich mit moralischen Fragen auseinander, wenn sie sich z.B. zu Fälschungen oder Diebstählen gezwungen sieht. Unter den Mitgliedern entwickelt sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das den einzelnen Rückhalt und Geborgenheit gibt. Immer wieder wird jedoch auch die Einsamkeit derjenigen spürbar, die sich für den Widerstand entschieden haben. Ruth Andreas-Friedrich hat ihr Tagebuch in Geheimschrift geschrieben, bindet es sich in den Bombennächten auf den Leib und lebt in ständiger Angst vor Entdeckung.

Der zweite Teil zeigt, wie die Hoffnung auf Befreiung und politischen Neubeginn nicht nur an Uneinsichtigkeit, sondern auch unter der unerträglichen Not der ersten Nachkriegsjahre verloren geht. Persönlich leidet Ruth Andreas-Friedrich darunter, dass die ehemalige Widerstandsgruppe auseinander fällt. Doch ist das Tagebuch zugleich Dokument eines unglaublichen Lebenswillens: Zumindest in ihrem Umfeld erwacht der Hunger nach Kultur, der sich keiner Kälte und Not beugen will. Mit politisch wachem Sinn engagiert sich die Autorin in der sozialdemokratischen Partei und für den Flügel, der sich der Vereinigung mit der KPD widersetzt. Gelegentlich kommentiert sie zum Vergnügen der Leserin das auffällige Missverhältnis zwischen den Geschlechtern, sei es bei politischen Veranstaltungen, sei es bei der Zuteilung von Zigaretten. 
In ihren Tagebuchaufzeichnungen lässt Ruth Andreas-Friedrich die Erinnerungen an verfolgte und leidende Menschen, an politischen Widerstand, aber auch an Schuld und Versagen lebendig werden. Im Nachwort liefert Jörg Drews Informationen über die Widerstandsgruppe, das Leben der Autorin und das wechselvolle Schicksal ihrer Aufzeichnungen, die das Verständnis des Textes erleichtern.
 

Gisela Medzeg ist schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in Ludwigshafen am Rhein.

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Suhrkamp:   2001 Seitenzahl: 592 ISBN: 3-518-39689-7  Preis: 15,00 EUR, 27,50 sFr.

Hannah Arendt

Die verborgene Tradition. Essays

Rezensentin: Gisela Medzeg

Hannah Arendts Essays sind mehr als fünfzig Jahre alt, geschrieben während oder unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs. Einzige Frau in diesem Sammelband ist die Autorin selbst; ihre Arbeiten handeln vom Imperialismus, von jüdischer Geschichte, Schriftstellern und jüdischen Menschen. So stellt sich als erstes die Frage, welche Anregungen und Erkenntnisse eine feministische Leserin, die weder Hannah-Arendt-Forscherin noch Spezialistin der jüdischen Geschichte ist, in diesen Aufsätzen finden kann. Die Antwort ist abhängig von der Bereitschaft der Leserin, weibliche Erfahrungen in der patriarchalen Gesellschaft durch Hannah Arendts Analyse jüdischer Erfahrungen neu und anders beleuchten zu lassen.

Hannah Arendt trägt dazu bei, Geschichte verständlicher zu machen: Der deutsche Antisemitismus ist für sie weder Naturkatastrophe noch Teil des deutschen Nationalcharakters, sondern historisch gewordene Gegebenheit. Die Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen steht im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen zu Vergangenheit und Gegenwart. Diese Bedingungen haben sich zwar seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gewandelt, aber sie haben sich nicht so grundlegend verändert, als dass sich nicht Antworten für die Gegenwart finden ließen. Was Hannah Arendt über den Imperialismus schreibt, kann auch für die Globalisierung gelesen werden. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass die deklassierten Menschen, die sie als Mob bezeichnet, durch den Imperialismus produziert werden. Diese Menschen vergesellschaften sich im Zeichen der Rassenideologie zu Mörderbanden. Im offenen oder heimlichen Bündnis mit dem Kapital und der „guten Gesellschaft“ bringt der Mob jene totale Herrschaft hervor, wie sie das 20. Jahrhundert im Nationalsozialismus erlebt hat.

Wichtig dabei erscheint mir der Hinweis, dass unter dem Druck der chaotischen ökonomischen Bedingungen durchschnittliche Menschen zu gefügigen, gleichgeschalteten Funktionären werden. Nichts gibt Anlass zu der Hoffnung, dass nicht Männer und Frauen in Zukunft ebenso gefügig funktionieren werden, wenn Mörderbanden und Kapital wieder eine totale Herrschaft errichten. Hannah Arendts Betrachtungen enthalten die Mahnung, über die persönliche Verantwortung der Erwerbstätigen für ihre Erwerbsarbeit nachzudenken.

In „Die verborgene Tradition“ entfaltet die Autorin Überlegungen zum jüdischen Paria und zum Parvenu, die sie auch in ihrer Biographie über Rahel Varnhagen aufgreift. Der Paria lebt außerhalb der Gesellschaft, wird im positiven Fall zum Dichter oder zum politischen Rebell, mit tiefen Einsichten in gesellschaftliche und politische Strukturen. Als Paria beschreibt Hannah Arendt u.a. Heinrich Heine, Franz Kafka und Charlie Chaplin. Insbesondere bei Kafka gelingt ihr eine politische Interpretation seines Werkes, die zu einer Neulektüre anregen könnte.

Die Geschichte der Ausgrenzung und der Emanzipation der Frauen ist zwar nicht ohne weiteres mit der Geschichte des Judentums zu vergleichen. Dennoch scheint mir, dass Ausgrenzung, Geschichtslosigkeit, das Fremd- und Paria-Sein in der Gesellschaft auch Erfahrungen von Frauen sind, sobald diese anfangen, sich den ihnen auferlegten gesellschaftlichen Zuschreibungen zu widersetzen. Emanzipation heißt auch für Frauen, dass sie wählen zwischen der Existenz als Parvenu in einer Männergesellschaft, um den Preis, dass sie auf Freiheit und politische Rebellion verzichten, oder dem Leben als Paria außerhalb, in Freiheit, aber mit nur geringem oder keinem gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Da der Paria bei Hannah Arendt nicht nur eine positiv besetzte Figur ist, sondern auch als Schnorrer auftaucht, sind weder für die Geschichte der Juden noch für die Geschichte der Frauenbewegung Fragen nach der gesellschaftlichen Verortung einfach zu beantworten.

Kein Zweifel: Es lohnt sich für Feministinnen, Hannah Arendt zu lesen, auch wenn in ihren Essays weder von Frauen noch vom Feminismus die Rede ist.

Gisela Medzeg ist schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in Ludwigshafen am Rhein.

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Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag:   2000 Seitenzahl: 184 geb.  ISBN: 3-633-54163-2  Preis: 18,80 EUR, 33,00 sFr.

Traude Bührmann

Faltenweise – Lesben und Alter

Rezensentin: Sina A. Vogt

Acht Frauen zwischen 48 und 81 porträtiert die Autorin, alle acht sind lesbisch. Liest man auf dem Cover die Kurzbeschreibung, könnte man an „ewig junge Alte“ denken: Trotz fliegender Hitze, ist da zu lesen, würden die Frauen durch die ganze Welt ziehen, durch den Grand Canyon streifen, Philosophie studieren, sexuell aktiv sind sie, tun was sie wollen, heiter und gelassen.

Die Porträts selbst aber beschreiben keineswegs eine Ansammlung zwanghaft jugendlich dynamischer Lesben, sondern acht sehr verschiedene Frauen.
Schnell frierende Füße, hoher Blutdruck, Diabetes – Teil des  Lebens von Aduka Gerlach, 70, Rentnerin. Und sie muss rechnen, weiß, wo es an welchem Tag der Woche den billigsten Mittagstisch gibt bei dem sie sich mit anderen alten Frauen trifft. „Zu gucken, wie kann ich aus dem wenigen doch noch etwas machen.“ Dem wenigen Geld. 
Dass der Körper nicht mehr so schnell und beweglich ist, dass hat auch schon die 48jährige Ayaya beim Bauchtanzen erfahren müssen.

Sterben und Tod werden im Alter häufiger Alltag. Anita Feuerbach hat den Tod ihrer Mutter am Sterbebett als Kampf erlebt: „Zehn Tage hat meine Mutter noch gekämpft; der Körper hat gekämpft, will leben, immer, weil auch die Angst da ist, was passiert, wenn du den Körper verlässt.“
Die Mutter von Nina Rossi, 61, starb ganz plötzlich, saß friedlich im Sessel, an dem die Tochter dann noch einen Tag Abschied von ihr nahm. „Es war eine unglaubliche Begegnung. Ein Privileg, ein absolutes Privileg, in diesen Stunden bei ihr sein zu können.“ 
Trauer um verstorbene Geliebte, Freundinnen, auch das eine zunehmende Erfahrung im Älterwerden.

Der Covertext ist nicht frei erfunden, von Lebensfreude erzählen die Frauen auch viel: Reisen, neue Lieben, Glück in der langen Lebensgemeinschaft, neue Projekte wie Studieren, Theaterspielen, ganz viel lesen und Radio hören. Zeit haben, jeden Tag neu angehen, die Sonne genießen. 
Schließlich – Lesbisch leben, dass, was die acht unterschiedlichen Frauen gemeinsam haben. Schon die Mutter von Aduka Gerlach lebte mit einer Freundin zusammen. Lesbisch, das Wort wurde nicht ausgesprochen, auch bei Aduka Gerlach nicht, die auch 5 Jahre verheiratet war, drei Kinder bekam. Schranklesbe war sie und meint „da war es schon von Vorteil, afrodeutsch zu sein.“ Denn eine „Afrikanerin“ – auch noch lesbisch? Soweit dachte niemand. Heute, heute sei es leichter für die jungen Lesben. 
Die 58jährige Rachel, ehemals jüdische Religionslehrerin lebt bis heute nicht offen lesbisch, vermisst zuweilen Kinder, hat trotz Lebensgefährtin Angst vor dem Alleinsein, doch unglücklich, nein unglücklich ist nicht. Und man glaubt es ihr. 
Einige hatten ihr Coming-out jenseits der 40, nach Ehe und Mutterschaft. Andere leben schon immer mit Frauen, in der (westdeutschen) Frauenbewegung.  

Tatsächlich zeigt die Unterschiedlichkeit der Biographien: Frauenliebe und der Prozess des Älterwerdens ist das verbindende zwischen den Porträtierten. Die Prioritäten verschieben sich durch das Älterwerden (das gilt sicher auch für heterosexuelle Frauen), und die Leserin kann sich mal mehr wiederfinden, mal mehr staunen. Ein Kaleidoskop der Vielfältigkeit.


Sina A. Vogt ist Journalistin für Printmedien, Hörfunk und Fernsehen.

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Krug & Schadenberg:   2000 Seitenzahl: 248 ISBN: 3-930041-22-7  Preis: 18,00 EUR, 32,70 sFr.

Sigrid Damm

Christiane und Goethe. Eine Recherche

Rezensentin: Gisela Medzeg

Dem Lebensweg von Christiane Vulpius will Sigrid Damm nachspüren, von ihr erzählen, aber nicht im Sinne einer poetischen Erfindung, sondern als Annäherung an die tatsächlichen Vorgänge, an das authentisch Überlieferte (S. 11). Überliefert sind die Dokumente des Alltags. In Sigrid Damms Annäherung gewinnen Goethe und Christiane eine überraschende Lebendigkeit. Die Leserin nimmt teil an dem Alltagsleben dieses ungewöhnlichen Paares und macht die Erfahrung, dass diese Geschichte sich liest wie ein spannender Roman.  

Sigrid Damm räumt mit den herkömmlichen Vorurteilen gegen Christiane Vulpius auf. Stattdessen zeichnet sie das Bild einer patenten, couragierten Frau, die lebenslustig und sinnlich ist, aber oft auch unter Einsamkeit leidet, wenn Goethe sie allein lässt. Die Autorin spürt den Wandlungen der Paar-Beziehung nach. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass Goethes Bereitschaft, Christiane sozial abzusichern, in dem Maße zunimmt, wie sich seine Zuneigung verringert. Sie ihrerseits ist bemüht, sich Goethes Wünschen zu fügen, zu sein, wie er sie haben will.

Angedeutet wird in der Darstellung von Sigrid Damm, dass es für Christiane auch ein Leben ohne Goethe gibt: dazu gehören der Bruder, der Umgang mit Theaterleuten und ehemaligen Hausgästen. Offen bleibt allerdings, ob es für sie neben der Liebe soziale und finanzielle Beweggründe gibt, als sie sich auf die Beziehung mit Goethe einlässt. Es wäre interessant zu erfahren, wie das Leben junger Frauen aus der „Weimarer Armut“ verlaufen ist, die nicht zu Geliebten wurden. Auch fehlt der Blick auf die soziale Rolle von Mätressen und Geliebten bei adeligen und reichen bürgerlichen Männern der damaligen Zeit. Sigrid Damm erwähnt zwar, dass die Mätresse des Weimarer Herzogs und Christiane Vulpius sich seit Kindertagen kennen, aber das bleibt eine biographische Randnotiz. So lässt ihre Annäherung an Christiane zwar manche Frage offen, die vielleicht mangels Dokumenten nicht zu beantworten ist. Das tut dem Buch jedoch insgesamt keinen Abbruch.

Bemerkenswert ist, wie sorgfältig die Autorin der Herkunft von Christiane Vulpius nachgeht. Es entsteht eine eindringliche Darstellung des Elends verarmter kleinbürgerlicher Männer, die über Jahre hinweg in erniedrigenden und unterwürfigen Bittbriefen um eine Stellung bei Hof nachsuchen müssen. Die hässliche Seite der entstehenden Bürokratie wird hier am Einzelbeispiel deutlich. Um so schärfer tritt zu Tage, wie sehr Goethe der privilegierte Günstling des Herzogs von Weimar ist. Als erwachsener Mann geht er kein wirklich soziales Risiko ein, auch nicht, als er mit Christiane und seinem unehelichen Sohn zusammenzieht. Vielmehr versteht er es, sich die Gunst des Herzogs von Weimar zu erhalten. Goethe hat die Nähe zur Macht gesucht, wie Sigrid Damm feststellt (S. 401).
Diesem solide verbeamteten Mann, der sogar ein Todesurteil gegen eine Kindsmörderin befürwortet (S.82), habe ich beim Lesen nur mäßig Sympathie entgegengebracht. Trotzdem hat Sigrid Damm mich neugierig auf den Dichter gemacht. Zum ersten Mal seit Schulzeiten habe ich wieder nach Goethes Gedichten und Romanen gegriffen. Mit ihrer Annäherung an das Leben und den Alltag von Christiane Vulpius hat die Autorin ihren Leserinnen den Blick frei gemacht für ein neues, kritisches Interesse an Goethe, seiner Lebensgefährtin und ihrer Zeit.


Gisela Medzeg ist schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in Ludwigshafen am Rhein.

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Insel:   2000 Seitenzahl: 544 ISBN: 3-458-17037-5  Preis: 11,0 EUR, 21,50 sFr.

Anita Heiliger

Täterstrategien und Prävention - Sexueller Missbrauch an Mädchen innerhalb familialer und familienähnlicher Strukturen

Rezensentin: Gisela Medzeg

Aus der Sicht betroffener Mädchen und Frauen analysiert Anita Heiliger die Strategien gewalttätiger Männer und bestätigt die feministische Erkenntnis: Sexueller Missbrauch ist Machtmissbrauch, weder unkontrollierter Triebdurchbruch noch Krankheit.
In den Berichten der Opfer spiegelt sich die zielstrebige Konsequenz, mit der Täter vorgehen. Sie suchen sich ihr Opfer aus, machen sich das Kind - meist ein Mädchen - gefügig, setzen dabei die Mittel ein, die nach ihrer Einschätzung am ehesten zum Erfolg führen, isolieren das Mädchen und manipulieren dessen soziales Umfeld, um nicht entdeckt zu werden. Dabei lassen sie sich, wenn es erforderlich ist, viel Zeit. Für sich selbst basteln sie eine Lügengeschichte zusammen, die ihre Untat rechtfertigt. Wird ein Täter entdeckt und vor Gericht gestellt, arbeitet er mit dieser verlogenen Rechtfertigung und entzieht sich der Verantwortung für sein Verbrechen. Für ihre Untersuchung hat Anita Heiliger ausführliche Interviews mit sieben Mädchen und vier erwachsenen Frauen durchgeführt. Sie hat 29 Gerichtsakten ausgewertet und für einige Wochen ein Projekt "Betroffene in der Auseinandersetzung mit pädosexuellen Straftätern im Maßregelvollzug" begleitet.
So unterschiedlich das Verhalten der Täter im Einzelfall auch ist, so spiegelt sich in Vorgehensweise und Rechtfertigung die herrschende Geschlechtshierarchie: Mädchen und Frauen haben Männern sexuell verfügbar zu sein; Töchter und Mütter, jüngere und ältere Frauen, werden konsequent gegeneinander ausgespielt; die gesellschaftlichen Institutionen schützen eher Täter als Opfer.
Von einem angemessenem Opferschutz kann hierzulande nicht die Rede sein: Betroffene Mädchen und Frauen erfahren nicht einmal, wann ein verurteilter Täter aus dem Gefängnis entlassen wird.
Die Untersuchung von Anita Heiliger ist spannend zu lesen und macht unmissverständlich klar: Um den Täterschutz zu beenden und den Opfern sexueller Gewalt die Hilfe und Unterstützung zu gewähren, die sie brauchen, müssen noch viele Frauen aktiv werden und sich in Bewegung setzen.

Gisela Medzeg ist schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in Ludwigshafen am Rhein.

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Frauenoffensive:   2000 Seitenzahl: 198 ISBN: 3-88104-319-5  Preis: 14,40 EUR, 26,50 sFr.

Cathy S. Gelbin / Kader Konuk / Peggy Piesche (Hg.)

AufBrüche - Kulturelle Produktionen von Migrantinnen, Schwarzen und jüdischen Frauen in Deutschland

Rezensentin: Fahimeh Farsaie
Eine Dokumentation und mehr

AufBrüche sollte ursprünglich eine Dokumentation über die im November 1997 in Köln durchgeführte Tagung „Marginale Brüche“ sein. Der vorliegende Band mit 14 Beiträge und sieben Fotos beinhaltet aber zudem einige Texte, die zwar thematisch zum Motto der Veranstaltung passen, auf der Tagung jedoch nicht vorgetragen wurden. Dafür verzichten die Herausgeberinnen und Referentin auf den Abdruck des umstrittenen Vortrags einer deutschen Literaturwissenschaftlerin über afro-deutsche Erfahrungen und die Lyrik von May Ayim. Der Grund: „Es war für viele der anwesenden Frauen ein Affront, dass es überhaupt jemand (und dazu eine weiße Person) wagen konnte, schon jetzt ... eine Forschungsarbeit zu schreiben.“ Der Verzicht auf den Abdruck könnte aber auch für viele LeserInnen ein Hinweis auf eine Art Zensur und Selbstzensur sein.

Das Buch enthält nicht nur die inhaltlich überarbeiteten Vorträge von Wissenschaftlerinnen wie Claudia Breger, Umut Erel, Marjanne Gooze, Encarnacion Gutierrez Rodriguez, Francesca Stafford und Yasemin Yildiz, sondern auch die Beiträge der Künstlerinnen Esther Dischereit, Hito Steyerl und Tanya Ury, die sich als Workshopsleiterinnen während der Kölner Tagung mit dem Thema „Kulturelle Produktionen von Migrantinnen, Schwarzen und jüdischen Frauen“ auseinandergesetzt haben. Darüber hinaus vervollständigen die umfassende Berichterstattung einer Teilnehmerin (Ekpenyoung Ani) und die Portraitfotos jüdischer Frauen in Berlin, die während der Konferenz in den Tagungsräumen ausgestellt waren, diese Dokumentation.

Im ersten Beitrag geht Peggy Piesche im Rahmen ihrer Dissertationsarbeit der Frage nach, ob komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden können. Nach einer historischen Untersuchung schließt sie ihren Beitrag mit dem Statement ab: „Die Identität ist immer eine aktive Konstruktion, die niemals vollständig und auf Dauer fixiert ist.“
Anschließend untersucht die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität/GH Paderborn, Claudia Breger, die Strategien der Mimikry in Texten der türkischen Schriftstellerin Emine S. Özdamar und der Japanerin Yoko Tawada. Sie bezeichnet die Auseinandersetzung beider Schriftstellerinnen mit den Orientalismen als eine Form der Nachahmung. In ihrem kritischen Konzept ist Mimikry (oder Nachäffung) zunächst ein Begriff der Ausgrenzung. Sie stützt sich dabei auf eine These von Homi Bhabhas, die besagt: „Mimikry ist eine Art Strategie kolonialer Diskurs, die der ‚Reformierung, Regulierung und Disziplinierung’ dient“. Obwohl die Autorin bemüht ist die Fachbegriffe durch einfache Konstellationen zu vermitteln, sind einige Passagen nicht einleuchtend.  

Die Postdoktorandin Kader Konuk analysiert in ihrem Text die sprachlichen Aspekte dieses Themas. Die Grundlage ihrer umfassend recherchierten Untersuchung ist der zweite Roman von E. S. Özdamar Die Brücke vom Goldenen Horn. Sie geht gründlich u. a. der Frage nach, warum die Werke der Schriftstellerin meist als direkter Ausdruck einer authentischen kulturellen Identität gelesen werden, obwohl Özdamar selbst „die Sprache als Ausdruck kultureller Identität inszeniert und Fehler als Kunstform verwendet.“ Wenn auch Konuks Beitrag mehr Fragen aufwirft als er beantwortet, entwirft er neue Aspekte in der literaturkritischen Forschung.

Ekpenyoung Ani betrachtet in ihrem Beitrag mit dem Titel Brüche die Tagung aus der Perspektive einer Teilnehmerin. Sie zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen einer Gruppe von Migrantinnen, Schwarzen, jüdischen Frauen und den weißen, christlich sozialisierten Frauen ist. Sie stellt gleichzeitig dar, dass die erste Gruppe unter sich immer noch mit den Problemen zu tun hat, deren Lösungsfindung seit den 80er Jahren für diese „Bewegung“ auf der Tagesordnung stehen.
Die Kölner Tagung im November 1997 erwies sich in der kulturwissenschaftlichen Landschaft Deutschlands als Novum. Mit der Dokumentation AufBrüche ist den Herausgeberinnen in diesem neuen Bereich ein unterstützungswürdiger Anfang gelungen. Somit dürften auch einige sehr kompliziert verfasste Beiträge auf die interessierte Leserschaft nicht abschreckend wirken.
 

Fahimeh Farsaie ist 1952 in Teheran/Iran geboren. Seit 1983 im Exil, lebt sie als Schriftstellerin und freie Journalistin in Köln.

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Ulrike Helmer Verlag:   2000 Seitenzahl: 279 ISBN: 3-89741-042-7  Preis: 21,50 EUR, 38,70 sFr.

Esther Winkelmann

Assia Djebar – Schreiben als Gedächtnisarbeit

Rezensentin: Sina A. Vogt

Assia Djebar erhält dieses Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie gilt als bedeutendste Gegenwartsautorin Algeriens. 1936 in einer algerischen Kleinstadt geboren besuchte sie eine französischsprachige Schule – andere waren unter der Kolonialmacht verboten – studierte in Paris und veröffentlichte 1957 ihren ersten Roman.
Seither ist ein umfangreiches Werk gefolgt, neben vielen Romanen auch zwei Filme.

In ihrem Buch fragt die Romanistin Ester Winkelmann, was Schreiben für Assia Djebar bedeutet. Im ersten Teil ihres Buches zeigt sie den historischen und politischen Hintergrund auf, ohne den das Werk Djebars nicht zu erfassen ist. Schreiben für Frauen in Algerien, so Djebar, bedeutet „Entschleierung in der Öffentlichkeit“. Die Autorin, die wie viele Schreibende aufgrund ihrer französischen Bildung in dieser Sprache veröffentlicht, plädiert für die Vielsprachigkeit im heutigen Algerien: Französisch, Arabisch und dessen Dialekte. Und für das Sprechen und Schreiben der Frauen.

Der Blick auf die Geschichte und Lage der Frauen durchzieht ihr ganzes Werk. Esther Winkelmann geht im zweiten Teil ihres Buches diesem Aspekt exemplarisch an der Analyse eines Romans nach: Vaste est la prison – zu deutsch „Weit ist mein Gefängnis“ erschien 1995. In diesem Buch nutzt Assia Djebar geschriebene Geschichte wie auch mündlich tradierter Geschichte, weitergegeben von Frauengeneration zu Frauengeneration. Sie verbindet historische Quellen aus der Geschichte Algeriens und seiner vielen Eroberer seit den Zeiten Karthagos mit weiblichen Mythen und dem Schicksal einer modernen und gebildeten Algerierin. Kollektive Autobiographie und individuelle Autobiographie, die Frau als Gemeinschaftswesen und selbstbestimmte Person, dies verbindet die algerische Autorin, so Esther Winkelmann.

Schreiben im heutigen Algerien ist immer auch Schreiben im Angesicht von Gewalt, von toten Ahninnen, den Toten des Unabhängigkeitskrieges und des Terrors der Fundamentalisten. „Die Toten, die man für abwesend hält, werden zu Zeugen, die durch uns etwas aufschreiben möchten.“ sagte Assia Djebar einmal.

Esther Winkelmann zeigt, dass Djebars „Schreiben als Gedächtnisarbeit“ kein Selbstzweck ist, sondern den Weg aufzeigt für ein Leben mit einer Geschichte der Gewalt und für ein Leben in einer toleranteren Gesellschaft. Ihr Werk nimmt dabei unmissverständlich Stellung: Für eine solche Gesellschaft ist die Freiheit der Frauen unabdingbar. Auch dazu ist Schreiben ein wichtiger Schritt, denn, so Assia Djebar: „Die Frau, die schreiben kann, kann auf eine andere Art Macht ausüben als auf die, Frau zu sein durch das mütterliche Gebären.“

Esther Winkelmann schafft es, einen Einblick in das Schreiben Assia Djebars im Kontext der Geschichte Algeriens zu geben, der das Werk der Autorin gerade für westliche LeserInnen begreiflicher macht - spannend ist es ohnehin.

Sina A. Vogt ist Journalistin für Printmedien, Hörfunk und Fernsehen.

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Pahl-Rugenstein:   2000 Seitenzahl: 176 ISBN: 3-89144-279-3  Preis: 20,50 EUR, 36,60 sFr.