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Claudia
Koppert / Beate Selders (Hg.) |
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Hand
aufs dekonstruierte Herz
Verständigungsversuche in Zeiten der
politisch-theoretischen Selbstabschaffung von Frauen |
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Rezensentin:
Claudia Pinl
Feministische
Theoriebildung der letzten 20 Jahren gleicht einer Achterbahnfahrt. Während
sich zu Beginn der zweiten Frauenbewegung der Feminismus
zu seiner geistesgeschichtlichen Herkunft aus der europäischen
Aufklärung bekannte, kristallisierten sich in den achtziger Jahren
verschiedene Denkrichtungen heraus, die nicht mehr
die Gleichheit der Geschlechter als Rechtsanspruch betonten,
sondern das Recht auf
„Andersartigkeit“.
Dieses nun positiv bewertete „Andere“ der Frauen erwies sich
jedoch als Wiederkehr altbekannter patriarchaler Vermutungen über
„Weiblichkeit“. Gleichzeitig thematisierten nichtweisse Frauen,
Migrantinnen,
Lesben und behinderte Frauen das Verwobensein bürgerlicher Frauen
mit der herrschenden Dominanzkultur.
Für den
Feminismus als Theorie galt es fortan, auch die Differenzen unter Frauen
zur Kenntnis zu nehmen. Das „Wir“ einer einheitlichen Frauenbewegung
geriet so immer mehr zur Schimäre. Unter Anführung der amerikanischen
Theoretikerin Judith Butler versetzte der Dekonstruktivismus dem
kollektiven Subjekt „Wir Frauen“ scheinbar den Todesstoss, indem er
„Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“, ja die Zweigeschlechtlichkeit
selbst als Ergebnis
gesellschaftlicher Diskurse interpretiert, deren Zwanghaftigkeit
wir bis zu einem gewissen Grade aufbrechen können durch „performative
Subversion“, durch Rollentausch, Kleidertausch, Travestie
- Spielarten der „Gender Performance“, die unter dem Namen „Queer“
bekannt geworden sind.
Die
Autorinnen des Sammelbandes stellen die vor allem unter jüngeren
Akademikerinnen populären dekonstruktivistischen Gender-Theorien vom Kopf
auf die Füße und siehe da: Für die Auseinandersetzung mit dem Alltag
von Frauen, der Frauenpolitik in Zeiten des Globalkapitalismus bieten
diese seltsam realitätsfernen Theorien wenig.
Es
ist zwar das Verdienst dekonstruktivistischer Ansätze, die in Teilen der
Frauenbewegung immer noch gepflegten Vorstellungen einer „natürlichen
Weiblichkeit“, die der „Männlichkeit“ überdies überlegen ist, den
Boden zu entziehen. Gleichzeitig bleibt „Queer“ aber ein seltsam
blutleeres, unpolitisches Konzept, weil reale Machtverhältnisse, zum
Beispiel die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen, Zugang zu
Ressourcen und Positionen und
die Frage nach der Männergewalt ausgeblendet bleiben.
Der
Untertitel des Bands mit dem Hinweis auf die „politisch-theoretische
Selbstabschaffung von Frauen“ lässt vermuten, dass die Autorinnen hier
aus differenz-feministischer Sicht die Bastion einer „natürlich“
vorgegebenen „Weiblichkeit“ zurück erobern wollen. So einfach machen
sie es sich jedoch nicht. Vor allem Claudia Koppert argumentiert in ihren
Beiträgen plausibel, dass die Herausbildung von Geschlechtsrollen
der „Bedingung unserer Existenz“,
den unterschiedlichen
Funktionen der Geschlechter bei der Fortpflanzung und der Tatsache, dass
wir alle von Frauen geboren wurden, geschuldet sind. Eine andere Frage
ist, wie die Geschlechtlichkeiten in
unterschiedlichen Gesellschaften ausgestaltet sind und wie
wir als Feministinnen sie gegebenenfalls neu gestalten wollen. Kopperts
Fazit: Nicht das
Geschlecht oder die Zweigeschlechtlichkeit als solche sind der Grund
unserer Unterdrückung, sondern
die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die immer wieder Gruppen von
Menschen, und in unterschiedlichem Ausmaß vor allem den Frauen, Würde,
Freiheit, Selbstbestimmung verweigern.
Claudia
Pinl
arbeitet
als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten:
Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf.
 
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Ulrike
Helmer Verlag: 2003
Seitenzahl: 159
ISBN: 3-89741-120-2 Preis: 12,95
EUR, 22,80 sFr. |
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Regina
Frey |
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Gender
im Mainstreaming Geschlechtertheorie
und -praxis im internationalen Diskurs |
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Rezensentin:
Claudia Pinl
Ende
der sechziger Jahre unterschieden amerikanische SozialwissenschaftlerInnen
erstmals zwischen sex, dem
biologischen Geschlecht, und gender,
der sozialen Geschlechterrolle. Spätestens
mit dem Paradigmenwechsel von „Frauenpolitik“ zu „Gender
Mainstreaming“ in der EU ist der „Gender-Ansatz“ über akademische
Theoriediskussionen hinaus auch in der Bundesrepublik zu einem politischen
Begriff geworden.
Wer
schon immer mal wissen wollte, was es mit diesem Begriff, der nur durch
Umschreibung ins Deutsche zu übersetzen ist, eigentlich auf sich hat, ist
mit dem
Buch von Regina Frey gut bedient. Die Autorin beschreibt in relativ
einfacher und klarer Sprache die wechselvolle Geschichte des Begriffs „Gender“
in seiner ganzen Mehrdeutigkeit. Diente
er ursprünglich dazu,
scheinbar vorgegebene biologisch determinierte Geschlechtlichkeit
von erlerntem „männlichen“ und „weiblichen“ Verhalten zu
unterscheiden, so wird die Vorstellung, es gebe eine ahistorische,
„natürliche“ Männlichkeit
oder Weiblichkeit inzwischen durch
konstruktivistische bzw.
dekonstruktivistische Denkansätze kritisiert. Neuere feministische
Theorien betonen vor allem das Prozesshafte
des doing gender. Dieser Prozess, der ein Stück weit für Wandlungen
offen ist, wird mit dem Geschlecht als stabiler Analyse-Kategorie nur
unzureichend erfasst. Mehr noch, der Blick durch die „Genderbrille“
kann so gesehen sogar noch zur Verfestigung von Geschlechterstereotypen
beitragen, statt sie aufzulösen. Regina Frey plädiert dafür, die „Genderbrille“
selbst in die Analyse einzubeziehen, zu untersuchen, aus welchem
„Vorstellungsmaterial“ sie besteht, um so eine politisch wünschenswerte
Durchlässigkeit für „männliches“ und „weibliches“
Verhalten zwischen den Individuen zu ermöglichen.
Im
zweiten Teil des Buchs folgt eine empirische Untersuchung, welche
Interpretationen von sex und gender
in entwicklungspolitischen Zusammenhängen angewendet werden.
Frey untersucht zu diesem Zweck
sowohl die entwicklungspolitischen Leitlinien von staatlichen und
nichtstaatlichen Organisationen
wie deren Praxis
bei gender trainings. Die
Autorin, die selbst als Gender Trainerin arbeitet, kommt zu dem Schluss,
dass die
neueren Gendertheorien an fast allen Institutionen vorbei gegangen
sind, so dass die Gefahr besteht, dass im entwicklungspolitischen
Diskussionszusammenhang der Gender-Ansatz bestehende Geschlechterverhältnisse
eher verfestigt statt sie in Frage zu stellen.
Claudia
Pinl
arbeitet
als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten:
Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf.
 
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Ulrike
Helmer Verlag: 2003
Seitenzahl: 217
ISBN: 3-89741-083-4 Preis: 19,95
EUR, 36,00 sFr. |
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Michaela
Moser / Ina Praetorius (Hg.) |
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Welt
gestalten im ausgehenden Patriarchat |
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Rezensentin:
Claudia Pinl
Der
Band dokumentiert eine Tagung,
auf der sich 2002 in Salzburg über 30 Frauen und ein Mann die
Frage nach einer neuen Ethik
im ausgehenden Patriarchat stellten.
Das
bereits 1996 von den „Mailänderinnen“ ausgerufene „Ende des
Patriarchats“
wollen die Herausgeberinnen verstanden wissen als Absage an die
Allmacht und Allgegenwart der androzentrischen Ordnung.
In dieser Situation, in der sich bisher prägende kulturelle Übereinkünfte
auflösen, gelte
es, sich mit alten marginalisierten Lebens- und Wirtschaftsstilen neu zu
beschäftigen und ethische
Neuorientierungen auf
unterschiedlichen theoretischen und praktischen Feldern
zu dokumentieren und zu verknüpfen.
Herausgekommen
ist ein buntes Sammelsurium von Beiträgen zum Thema „Das gute Leben“.
Sie reichen von
erkenntnisphilosophischen Gedankenexperimenten (Rose Killinger, „Osmosophie
Oder: Überlegungen zur Durchlässigkeit der Welt“) bis zu
Lebensalltags-Berichten
über Tauschwirtschaft
und Toilettenputzen.
Persönlich
hat mir am besten der Beitrag der niederländischen Theologin Anne-Claire
Mulder zu
einer „Ästhetik des Dazwischen“ gefallen. Ausgehend von Luce
Irigarays Gedanken
einer nicht aufhebbaren Differenz zwischen Subjekten
plädiert Mulder
für eine Beziehungsethik, in der
das Anderssein der Anderen nicht als Negation des Selbst erlebt
wird, sondern zum
Ausgangspunkt für eine „Leidenschaft des Staunens“ wird -
sowohl in der Liebe wie
unter gesellschaftlichen Gruppen anwendbar
- so
lange „Differenz“ nicht Machtstrukturen kaschiert.
Leserinnen,
die Informationen darüber suchen, was aus einigen in den achtziger Jahren
heiß diskutierten feministischen Themen wie „Bioethik“, „Fürsorge“
(Care) oder der „Gewalt“-Frage jenseits
der eindeutigen Opfer-Täter-Dichotomie geworden ist, werden mit
den einschlägigen Kapiteln gut bedient. Weniger befriedigend ist das
Kapitel „Anders Wirtschaften“. Die Auseinandersetzung unter
feministisch-ethischen Aspekten mit dem entfesselten Global-Kapitalismus
findet allenfalls in Randbereichen statt.
Claudia
Pinl
arbeitet
als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten:
Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf.
 
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Ulrike
Helmer Verlag: 2003
Seitenzahl: 312
ISBN: 3-89741-125-13 Preis: 24,50
EUR, 43,80 sFr. |
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Gerda
Lerner
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Ein
eigener Tod
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Rezensentin:
Sina A. Vogt
Am 26. August 1973 stirbt
Carl Lerner, der Ehemann der Autorin. 16 Monate vorher wurde ihm ein bösartiger
Gehirntumor diagnostiziert. Seine Frau begleitet sein Sterben. „Ein
eigener Tod“ ist ihr Erfahrungsbericht, der erstmals 1978 erschienen
ist, 1979 in Deutsch. Der Ulrike-Helmer Verlag hat nun eine Neuauflage
herausgebracht.
Gerda Lerner beschreibt
den Abschied von ihrem Mann nach über 30 erfüllten Ehejahren, die Mühen
der häuslichen Pflege des immer schwächer Werdenden. Anfang der 70er
gibt es noch keine Hospizbewegung, ihre Entscheidung für häusliche
Pflege stößt auf heftigen Widerstand der professionellen Pfleger.
Ihre Entscheidung, ihrem Mann zu sagen, dass er nicht gesund werden wird,
sondern stirbt, muss sie gegen den heftigen Widerspruch der Ärzte
treffen. Sie haben Angst, der Patient könne sich dann umbringen.
Auch seine Frau befürchtet das, doch Carl reagiert auf die Eröffnung
anders : Die Diskussionen aus vorangegangenen, gesunden Zeiten – bitte
hilf mir zu sterben, wenn ich ein Krüppel bin – verlieren ihre Gültigkeit,
als er halbseitig gelähmt ist. Denn seine Lebenskraft – und mitunter
seine Lebensfreude – sind alles andere als „verkrüppelt“. So wird
der fortschreitende Zerfallsprozess immer neu zum „Normalzustand“,
„Krankheit“ immer neu definiert als das was noch kommen wird. Sterben
ist nicht leicht – und bis zuletzt ist Leben.
Die Trennung von ihrem
Mann beginnt lange vor dem physischen Tod mit einer schweren Erkenntnis
ein: Sterben muss jeder Mensch allein. „Der Tod ist unerbittlich und außerhalb
des Bereichs menschlicher Kontrolle.“ Für den Sterbenden wie für die
Überlebende – aber auf sehr unterschiedliche Weise. Dabei hält die
fortschreitende Krankheit immer neue Herausforderungen bereit – Carl
Lerner bekommt Anfälle, die Chemotherapie schwächt ihn, schlägt nicht
an.
Gerda Lerner hat ein sehr
persönliches Buch geschrieben, der Verlauf der Krankheit und das Sterben
sind einmalige Geschehnisse. Und doch berührt ihr Text nicht nur durch
ihre Ehrlichkeit, sondern durch einfache, bescheidene – und manchmal
nicht leichte – Einsichten. War vorher Krankheit etwas schreckliches,
welches Unabhängigkeit bedroht, so lernt sie mit ihrem kranken Mann:
„Abhängigkeit wurde jetzt etwas, auf das man durch heitere Annahme der
Hilfe anderer reagieren konnte.“
Einen geliebten Menschen durch eine Krankheit zum Tod zu begleiten, das
ist auch für die Überlebende ein schwerer Prozess: Hat er einen
schlimmen Anfall, wünscht sie in einem Moment Koma und Tod herbei, im nächsten
wünscht sie einfach, dass er weiterlebt, bei ihr bleibt. Noch einen Tag.
Wie der, als Carl nach dem Verlust des Hörvermögens sterben will – und
sie ihm ein Hörgerät besorgt. Daraufhin haben sie einen ihrer schönsten
Tage dieses letzten Jahres in New York, den Geräuschen in Straßen und
Parks lauschend. Solange er
lebt, bleibt das Wissen darum, dass er bald tot sein wird, unbegreifbar.
Wie wird es sein wenn er aufhört zu sein?
Die Autorin verknüpft
die Erinnerung an das Sterben ihres Mannes mit Erinnerungen an andere
Begegnungen mit dem Tode, vor allem als verfolgte Jüdin in der Nazizeit
und dem Verlust von Verwandten in den Vernichtungslagern, den Tod der
Mutter an Leukämie. „Der Tod ist ein willkürliches, unvermeidliches
Unglück“ sagt Gerda Lerner.
Ihr Resümee ist eine Vorwegnahme der Prinzipien der Hospizbewegung: Jeder
Mann und jede Frau hat das Recht auf den eigenen Tod. Sterben ist ein
schwerer, schmerzhafter Prozess – nichts davon erspart sie den
Leserinnen und Lesern. Den Sterbenden zu ihrem eigenen Tod zu helfen ist
sehr schwere Arbeit. Und ein letzter Liebesdienst. Das ist es, was dieses
Buch so wundervoll macht, so kraftvoll – so aktuell.
Sina
A. Vogt ist Journalistin für Printmedien, Hörfunk und
Fernsehen.
 
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Ulrike
Helmer Verlag: 2001
Seitenzahl: 260
ISBN: 3-89741-076-1 Preis: 17,50
EUR, 31,70 sFr. |
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Marianne
Krüll |
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Käthe,
meine Mutter |
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Rezensentin:
Marlies Hesse
Wer die erfolgreichen
Biografien der Soziologin und Schriftstellerin über das Familiennetz von
Thomas Mann oder über die ungelöste Vaterbindung von Sigmund Freud
gelesen hat, wird sich zunächst fragen, was Marianne Krüll bewegt haben
mag, die Lebensgeschichte ihrer Mutter aufzuschreiben. Dass die eigene
Familiengeschichte ebenso interessant ist wie die von Berühmtheiten,
offenbaren bereits die fesselnden Anfangskapitel des Buches, die sie ihren
Vorfahren widmet. Im Blickfeld auf ein Jahrhundert Zeitgeschichte in Ost
und West hat sie alle wichtigen Lebensstationen ihrer Mutter eingebettet.
Damit eröffnet sie den Leserinnen zugleich die Möglichkeit, Parallelen
oder Ähnlichkeiten zu ihrem Elternhaus zu ziehen. Gute und negative
Erfahrungen werden wie von selbst wach und geben Anlass, emotionale
Bindungen von Eltern und Kindern neu zu überdenken. Mit der Frage „Wer
war meine Mutter?“ stellt sich Marianne Krüll (65) bewusst ihrer
eigenen Geschichte, die für sie zu einer Art Gratwanderung wird. Viele Töchter
der Nachkriegszeit sehen ihre Mutter ebenso beschrieben wie Käthe: eine
unscheinbare Frau, die den Zeiten entsprechend „einfach“ und
„bescheiden“ lebte.
Für die
Auseinandersetzung mit ihrer seit über 25 Jahren verstorbenen Mutter wählte
die Autorin die Form der direkten Ansprache, so als könne sie ihr noch
Fragen stellen. Die Erzählungen über die Vergangenheit gewinnen dadurch
an kraftvoller Intensität. Ihre Recherchen führen sie in viele Orte und
auf Fährten zu dem, was Familie bedeutet. Bei Verwandten und Freunden
betreibt sie Nachforschungen. Mit der ergänzenden Foto-Auswahl lässt sie
einen Eindruck vom Äußeren der beschriebenen Personen lebendig werden.
Vor allem sind es aber Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, mit denen sie
den bisher ihr unbekannt gebliebenen Teil des Lebens ihrer Mutter
rekonstruiert. Mühsam hat sie alles
zusammengetragen, was sie über ihre Herkunft erfahren konnte. In
vergoldeten Bildern entfaltet sie das Paradies einer behüteten Kindheit.
Sie wird sich wieder all der Gefühle bewusst, die sie seit jungen Jahren
empfand. Schicht um Schicht deckt sie verschüttete Erinnerungen auf.
Unerschrocken stellt sie sich den Verstrickungen und dem großen Zerwürfnis
mit ihrer Mutter in ihrer studentischen „Revoluzzerzeit“. Vorsichtige
Annäherungsversuche gab es zwar anschließend, aber zu einer Versöhnung
kam es nicht mehr. „Wir waren beide gefangen in den Mauern, die jede um
sich herum aufgerichtet hatte“, schreibt sie. Mit großer Offenheit
schildert die Autorin ihre Gefühle der Ablehnung und Befreiung von der
Mutter, lastet ihr auch noch in der Erinnerung Fehler an. Andererseits
gesteht sie ein, die Mutter unnötig verletzt zu haben. Für den Schock
und die Trauer, die der frühe Tod der Mutter in ihr auslösten, findet
sie ihren ganz persönlichen Ausdruck. Sich von Selbstvorwürfen zu lösen,
gelingt ihr erst bei ihrer Spurensuche in die Vergangenheit und durch die
schriftliche Aufzeichnung der Erlebnisse. Verständlich, dass sie sich
dabei oftmals so vorkommt, als schriebe sie nicht über sich selbst,
sondern über eine andere, ihr fremde Person. Doch gerade aus der
Darstellung widerstreitender Gefühle gewinnt das Buch an Lebendigkeit und
Authentizität.
Der Frauenbewegung
verdankt sie es letzthin, den Konflikt mit ihrer Mutter als Auswirkung
einer patriarchalen Gesellschaft richtig einzuordnen. Immer mehr begriff
sie, welche Kraft Mütter noch vor Jahrzehnten entwickeln mussten, um ihr
Leben zu meistern. Von daher gesehen ist es verdienstvoll, dass Marianne
Krüll inzwischen Frauen in Seminaren die Erkenntnis vermittelt, dass
keine noch so erstarrte Mutter-Tochter-Beziehung in einer Verhärtung
stecken bleiben sollte.
Marlies
Hesse ist Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes. Seit
vielen Jahren engagiert sie sich in verschiedenen Netzwerken. Ihr
Schwerpunkt liegt beim Thema „Frauen und Medien“.
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Christel
Göttert Verlag: 2001
Seitenzahl: 288
ISBN: 3-922499-52-X Preis: 22,50 EUR, 41,00
sFr. |
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Monica
Streit |
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Wohin
mit dem Ego?
Spiritualität
und Psychotherapie |
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Rezensentin: Claudia Pinl
Das
Christentum, die angestammte Religion des Westens, schlägt hierzulande
kaum noch jemand in ihren Bann. Rationalität und Aufklärung, Jugendkult,
Individualismus und Spaßgesellschaft scheinen ganze Arbeit geleistet zu
haben. Auf der anderen Seite wächst der spirituelle Hunger, das Bedürfnis
nach Sinn, nach Rückbindung an eine andere, geistige Wirklichkeit.
Feministinnen, die späten Töchter der Aufklärung, liefen bereits Ende
der siebziger Jahre scharenweise dem indischen Guru Bhagwan zu. Inzwischen
sind es vor allem unterschiedliche Spielarten des Buddhismus, die auf
Frauen anziehend wirken.
Eine
zentrale Botschaft, mit der sie dort konfrontiert werden, lautet: Die
Befangenheit im Selbst, das unaufhörliche Kreisen um das eigene Ich, sind
Ursache für Leid, das eigene wie auch das Leid in der Welt. Friede,
Harmonie und Glück, innen wie außen, hängen von der Fähigkeit der
Menschen ab, ihr Ego zu verkleinern, Mitgefühl und Hingabe an die Stelle
des Egos zu setzen. Anscheinend also das genaue Gegenteil dessen, was in
den Frauengruppen von den siebziger Jahren bis heute gelehrt wird:
„Ich“ zu sagen, den eigenen Willen zu entwickeln, auf Selbstbestimmung
und Selbstentfaltung zu pochen.
Monica
Streit warnt davor, diese feministischen Lehren zugunsten eines scheinbar
schnellen Vorankommens auf dem spirituellen Weg kurzfristig über Bord zu
werfen. Sie hinterfragt die für westliche Menschen so attraktiven Ratschläge
spiritueller Meister und Meisterinnen im Umgang mit dem Ich aus
feministischer und psychoanalytischer
Sicht. Haben doch gerade Frauen in Jahrtausenden gelernt, dass es nicht
darauf ankommt, was sie wollen und wünschen, sondern allein auf ihre Fähigkeit,
auf das Wollen und Wünschen anderer einzugehen. Streit macht deutlich,
dass für die meisten Frauen nicht der Ich-Abbau, sondern im Gegenteil die
Stärkung des Ichs immer noch auf der Tagesordnung steht. Wo ein schwaches
„weibliches“ Ich zugunsten eines ohnehin fordernden Über-Ichs weiter
abgebaut wird, sieht die Schriftstellerin und Psychotherapeutin nicht nur
keine Heilung sondern sogar seelische Gefahren. Ein starkes Ich, das die
divergierenden Ansprüche zwischen dem Unbewussten (Es), der moralischen
Norm (Über-Ich) und der Realität
der Außenwelt in ein für das Individuum glückliches Miteinander
bringt, vollbringt eine große Leistung. Das reife realitätstüchtige Ich
schafft demnach überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass der Mensch
die in den östlichen spirituellen Lehren so wichtigen Haltungen einnehmen
kann: Besonnenheit, Hinschauen, Hinhören, Wahrnehmen, was ist. Ein
solches reifes Ich ist auch in der Lage, die Ratschläge spiritueller
Meister/innen daraufhin zu befragen, ob sie der eigenen Realität
angemessen sind oder nicht.
Monica
Streit kennt ihr Thema aus eigener Lebenserfahrung und schreibt aus einer
Position grundsätzlicher Sympathie vor allem für die Lehren der
Buddhistin
Ayya Khema. Sie plädiert für einen Dialog zwischen westlicher
Psychoanalyse und östlichen spirituellen Lehren. Was allerdings
voraussetzt, dass letztere bereit sind, sich mit den „westlichen“
Erkenntnissen ernsthaft auseinander zu setzen.
Claudia
Pinl arbeitet
als Journalistin und Sachbuchautorin in Köln mit den Schwerpunkten:
Frauen und Erwerbsarbeit und Geschlechterverhältnis in Familie und Beruf.
 
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Orlanda: 2001
Seitenzahl: 180
ISBN: 3-929823-77-2 Preis: 17,50 EUR, 33,00
sFr. |
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Ruth
Andreas-Friedrich |
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Der
Schattenmann. Schauplatz Berlin
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Tagebuchaufzeichnungen 1938-1948 |
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Rezensentin: Gisela Medzeg
Mit
ihrem Tagebuch will Ruth Andreas-Friedrich Zeugnis dafür ablegen, dass
Tausende und aber Tausende von Menschen mit den Untaten der Nazis nichts
zu tun hatten. „Sie haben“, wie sie bereits im Oktober 1945 in ihrem
Vorwort schreibt, „im Gegenteil, jahraus, jahrein, Leben und Freiheit
dafür eingesetzt..., wo immer sie nur konnten, der Menschlichkeit zu
dienen“ (S.10). Das klingt nach Heldengeschichte. Doch ist gerade der völlige
Mangel an Pathos das Besondere an diesem Tagebuch, das die Leserin schnell
in seinen Bann zieht. In beeindruckender Mischung verbindet Ruth
Andreas-Friedrich die Beschreibungen der Nöte und des Leidens im Alltag
mit dem selbstverständlich gelebten persönlichen und politischen Einsatz
für Verfolgte des Nazi-Regimes. In ihren Beobachtungen steckt oft ein
tiefer Sinn für Komik; in ihren Selbstwahrnehmungen spürt sie den
eigenen Grenzen nach.
„Onkel Emil“ nennt sich die Widerstandsgruppe, der neben der 1901
geborenen Schriftstellerin u.a. ihre Tochter, ein Dirigent, zwei Ärzte
und ein Journalist angehören. Die Gruppe entwickelt Witz und Phantasie in
ihren Aktionen. Zugleich setzt sie sich mit moralischen Fragen
auseinander, wenn sie sich z.B. zu Fälschungen oder Diebstählen
gezwungen sieht. Unter den Mitgliedern entwickelt sich ein starkes
Zusammengehörigkeitsgefühl, das den einzelnen Rückhalt und Geborgenheit
gibt. Immer wieder wird jedoch auch die Einsamkeit derjenigen spürbar,
die sich für den Widerstand entschieden haben. Ruth Andreas-Friedrich hat
ihr Tagebuch in Geheimschrift geschrieben, bindet es sich in den Bombennächten
auf den Leib und lebt in ständiger Angst vor Entdeckung.
Der
zweite Teil zeigt, wie die Hoffnung auf Befreiung und politischen
Neubeginn nicht nur an Uneinsichtigkeit, sondern auch unter der unerträglichen
Not der ersten Nachkriegsjahre verloren geht. Persönlich leidet Ruth
Andreas-Friedrich darunter, dass die ehemalige Widerstandsgruppe
auseinander fällt. Doch ist das Tagebuch zugleich Dokument eines
unglaublichen Lebenswillens: Zumindest in ihrem Umfeld erwacht der Hunger
nach Kultur, der sich keiner Kälte und Not beugen will. Mit politisch
wachem Sinn engagiert sich die Autorin in der sozialdemokratischen Partei
und für den Flügel, der sich der Vereinigung mit der KPD widersetzt.
Gelegentlich kommentiert sie zum Vergnügen der Leserin das auffällige
Missverhältnis zwischen den Geschlechtern, sei es bei politischen
Veranstaltungen, sei es bei der Zuteilung von Zigaretten.
In
ihren Tagebuchaufzeichnungen lässt Ruth Andreas-Friedrich die
Erinnerungen an verfolgte und leidende Menschen, an politischen
Widerstand, aber auch an Schuld und Versagen lebendig werden. Im Nachwort
liefert Jörg Drews Informationen über die Widerstandsgruppe, das Leben
der Autorin und das wechselvolle Schicksal ihrer Aufzeichnungen, die das
Verständnis des Textes erleichtern.
Gisela
Medzeg ist
schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit
den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle
Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der
Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in
Ludwigshafen am Rhein.
 
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Suhrkamp: 2001
Seitenzahl: 592
ISBN: 3-518-39689-7 Preis: 15,00 EUR, 27,50
sFr. |
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Hannah
Arendt |
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Die
verborgene Tradition. Essays |
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Rezensentin: Gisela Medzeg
Hannah
Arendts Essays sind mehr als fünfzig Jahre alt, geschrieben während oder
unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs. Einzige Frau in diesem
Sammelband ist die Autorin selbst; ihre Arbeiten handeln vom
Imperialismus, von jüdischer Geschichte, Schriftstellern und jüdischen
Menschen. So stellt sich als erstes die Frage, welche Anregungen und
Erkenntnisse eine feministische Leserin, die weder
Hannah-Arendt-Forscherin noch Spezialistin der jüdischen Geschichte ist,
in diesen Aufsätzen finden kann. Die Antwort ist abhängig von der
Bereitschaft der Leserin, weibliche Erfahrungen in der patriarchalen
Gesellschaft durch Hannah Arendts Analyse jüdischer Erfahrungen neu und
anders beleuchten zu lassen.
Hannah
Arendt trägt dazu bei, Geschichte verständlicher zu machen: Der deutsche
Antisemitismus ist für sie weder Naturkatastrophe noch Teil des deutschen
Nationalcharakters, sondern historisch gewordene Gegebenheit. Die Analyse
der gesellschaftlichen Bedingungen steht im Mittelpunkt ihrer
Betrachtungen zu Vergangenheit und Gegenwart. Diese Bedingungen haben sich
zwar seit der Mitte des 20. Jahrhunderts gewandelt, aber sie haben sich
nicht so grundlegend verändert, als dass sich nicht Antworten für die
Gegenwart finden ließen. Was Hannah Arendt über den Imperialismus
schreibt, kann auch für die Globalisierung gelesen werden. Sie lässt
keinen Zweifel daran, dass die deklassierten Menschen, die sie als Mob
bezeichnet, durch den Imperialismus produziert werden. Diese Menschen
vergesellschaften sich im Zeichen der Rassenideologie zu Mörderbanden. Im
offenen oder heimlichen Bündnis mit dem Kapital und der „guten
Gesellschaft“ bringt der Mob jene totale Herrschaft hervor, wie sie das
20. Jahrhundert im Nationalsozialismus erlebt hat.
Wichtig
dabei erscheint mir der Hinweis, dass unter dem Druck der chaotischen ökonomischen
Bedingungen durchschnittliche Menschen zu gefügigen, gleichgeschalteten
Funktionären werden. Nichts gibt Anlass zu der Hoffnung, dass nicht Männer
und Frauen in Zukunft
ebenso gefügig funktionieren werden, wenn Mörderbanden und Kapital
wieder eine totale Herrschaft errichten. Hannah Arendts Betrachtungen
enthalten die Mahnung, über die persönliche Verantwortung der Erwerbstätigen
für ihre Erwerbsarbeit nachzudenken.
In
„Die verborgene Tradition“ entfaltet die Autorin Überlegungen zum jüdischen
Paria und zum Parvenu, die sie auch in ihrer Biographie über Rahel
Varnhagen aufgreift. Der Paria lebt außerhalb der Gesellschaft, wird im
positiven Fall zum Dichter oder zum politischen Rebell, mit tiefen
Einsichten in gesellschaftliche und politische Strukturen. Als Paria
beschreibt Hannah Arendt u.a. Heinrich Heine, Franz Kafka und Charlie
Chaplin. Insbesondere bei Kafka gelingt ihr eine politische Interpretation
seines Werkes, die zu einer Neulektüre anregen könnte.
Die
Geschichte der Ausgrenzung und der Emanzipation der Frauen ist zwar nicht
ohne weiteres mit der Geschichte des Judentums zu vergleichen. Dennoch
scheint mir, dass Ausgrenzung, Geschichtslosigkeit, das Fremd- und
Paria-Sein in der Gesellschaft auch Erfahrungen von Frauen sind, sobald
diese anfangen, sich den ihnen auferlegten gesellschaftlichen
Zuschreibungen zu widersetzen. Emanzipation heißt auch für Frauen, dass
sie wählen zwischen der Existenz als Parvenu in einer Männergesellschaft,
um den Preis, dass sie auf Freiheit und politische Rebellion verzichten,
oder dem Leben als Paria außerhalb, in Freiheit, aber mit nur geringem
oder keinem gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Da der Paria bei
Hannah Arendt nicht nur eine positiv besetzte Figur ist, sondern auch als
Schnorrer auftaucht, sind weder für die Geschichte der Juden noch für
die Geschichte der Frauenbewegung Fragen nach der gesellschaftlichen
Verortung einfach zu beantworten.
Kein
Zweifel: Es lohnt sich für Feministinnen, Hannah Arendt zu lesen, auch
wenn in ihren Essays weder von Frauen noch vom Feminismus die Rede ist.
Gisela
Medzeg ist
schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit
den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle
Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der
Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in
Ludwigshafen am Rhein.
 
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Jüdischer
Verlag im Suhrkamp Verlag: 2000
Seitenzahl: 184
geb.
ISBN: 3-633-54163-2 Preis: 18,80 EUR, 33,00
sFr. |
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Traude
Bührmann
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Faltenweise
– Lesben
und Alter
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Rezensentin: Sina A. Vogt
Acht Frauen zwischen 48
und 81 porträtiert die Autorin, alle acht sind lesbisch. Liest man auf
dem Cover die Kurzbeschreibung, könnte man an „ewig junge Alte“
denken: Trotz fliegender Hitze, ist da zu lesen, würden die Frauen durch
die ganze Welt ziehen, durch den Grand Canyon streifen, Philosophie
studieren, sexuell aktiv sind sie, tun was sie wollen, heiter und
gelassen.
Die Porträts selbst aber
beschreiben keineswegs eine Ansammlung zwanghaft jugendlich dynamischer
Lesben, sondern acht sehr verschiedene Frauen.
Schnell frierende Füße, hoher Blutdruck, Diabetes – Teil des
Lebens von Aduka Gerlach, 70, Rentnerin. Und sie muss rechnen, weiß,
wo es an welchem Tag der Woche den billigsten Mittagstisch gibt bei dem
sie sich mit anderen alten Frauen trifft. „Zu gucken, wie kann ich aus
dem wenigen doch noch etwas machen.“ Dem wenigen Geld.
Dass der Körper nicht mehr so schnell und beweglich ist, dass hat auch
schon die 48jährige Ayaya beim Bauchtanzen erfahren müssen.
Sterben und Tod werden im
Alter häufiger Alltag. Anita Feuerbach hat den Tod ihrer Mutter am
Sterbebett als Kampf erlebt: „Zehn Tage hat meine Mutter noch gekämpft;
der Körper hat gekämpft, will leben, immer, weil auch die Angst da ist,
was passiert, wenn du den Körper verlässt.“
Die Mutter von Nina Rossi, 61, starb ganz plötzlich, saß friedlich im
Sessel, an dem die Tochter dann noch einen Tag Abschied von ihr nahm.
„Es war eine unglaubliche Begegnung. Ein Privileg, ein absolutes
Privileg, in diesen Stunden bei ihr sein zu können.“
Trauer um verstorbene Geliebte, Freundinnen, auch das eine zunehmende
Erfahrung im Älterwerden.
Der Covertext ist nicht
frei erfunden, von Lebensfreude erzählen die Frauen auch viel: Reisen,
neue Lieben, Glück in der langen Lebensgemeinschaft, neue Projekte wie
Studieren, Theaterspielen, ganz viel lesen und Radio hören. Zeit haben,
jeden Tag neu angehen, die Sonne genießen.
Schließlich – Lesbisch leben, dass, was die acht unterschiedlichen
Frauen gemeinsam haben. Schon die Mutter von Aduka Gerlach lebte mit einer
Freundin zusammen. Lesbisch, das Wort wurde nicht ausgesprochen, auch bei
Aduka Gerlach nicht, die auch 5 Jahre verheiratet war, drei Kinder bekam.
Schranklesbe war sie und meint „da war es schon von Vorteil, afrodeutsch
zu sein.“ Denn eine „Afrikanerin“ – auch noch lesbisch? Soweit
dachte niemand. Heute, heute sei es leichter für die jungen Lesben.
Die 58jährige Rachel, ehemals jüdische Religionslehrerin lebt bis heute
nicht offen lesbisch, vermisst zuweilen Kinder, hat trotz Lebensgefährtin
Angst vor dem Alleinsein, doch unglücklich, nein unglücklich ist nicht.
Und man glaubt es ihr.
Einige hatten ihr Coming-out jenseits der 40, nach Ehe und Mutterschaft.
Andere leben schon immer mit Frauen, in der (westdeutschen)
Frauenbewegung.
Tatsächlich
zeigt die Unterschiedlichkeit der Biographien: Frauenliebe und der Prozess
des Älterwerdens ist das verbindende zwischen den Porträtierten. Die
Prioritäten verschieben sich durch das Älterwerden (das gilt sicher auch
für heterosexuelle Frauen), und die Leserin kann sich mal mehr
wiederfinden, mal mehr staunen. Ein Kaleidoskop der Vielfältigkeit.
Sina
A. Vogt ist Journalistin für Printmedien, Hörfunk und
Fernsehen.
 
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Krug
& Schadenberg: 2000
Seitenzahl: 248
ISBN: 3-930041-22-7 Preis: 18,00 EUR, 32,70 sFr. |
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Sigrid
Damm |
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Christiane
und Goethe. Eine
Recherche |
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Rezensentin: Gisela Medzeg
Dem
Lebensweg von Christiane Vulpius will Sigrid Damm nachspüren, von ihr erzählen,
aber nicht im Sinne einer poetischen Erfindung, sondern als Annäherung an
die tatsächlichen Vorgänge, an das authentisch Überlieferte (S. 11). Überliefert
sind die Dokumente des Alltags. In Sigrid Damms Annäherung gewinnen
Goethe und Christiane eine überraschende Lebendigkeit. Die Leserin nimmt
teil an dem Alltagsleben dieses ungewöhnlichen Paares und macht die
Erfahrung, dass diese Geschichte sich liest wie ein spannender Roman.
Sigrid
Damm räumt mit den herkömmlichen Vorurteilen gegen Christiane Vulpius
auf. Stattdessen zeichnet sie das Bild einer patenten, couragierten Frau,
die lebenslustig und sinnlich ist, aber oft auch unter Einsamkeit leidet,
wenn Goethe sie allein lässt. Die Autorin spürt den Wandlungen der
Paar-Beziehung nach. Dabei drängt sich der Eindruck
auf, dass Goethes Bereitschaft, Christiane sozial abzusichern, in dem Maße
zunimmt, wie sich seine Zuneigung verringert. Sie ihrerseits ist bemüht,
sich Goethes Wünschen zu fügen, zu sein, wie er sie haben will.
Angedeutet
wird in der Darstellung von Sigrid Damm, dass es für Christiane auch ein
Leben ohne Goethe gibt: dazu gehören der Bruder, der Umgang mit
Theaterleuten und ehemaligen Hausgästen. Offen bleibt allerdings, ob es für
sie neben der Liebe soziale und finanzielle Beweggründe gibt, als sie
sich auf die Beziehung mit Goethe einlässt. Es wäre interessant zu
erfahren, wie das Leben junger Frauen aus der „Weimarer Armut“
verlaufen ist, die nicht zu Geliebten wurden. Auch fehlt der Blick auf die
soziale Rolle von Mätressen und Geliebten bei adeligen und reichen bürgerlichen
Männern der damaligen Zeit. Sigrid Damm erwähnt zwar, dass die Mätresse
des Weimarer Herzogs und Christiane Vulpius sich seit Kindertagen kennen,
aber das bleibt eine biographische Randnotiz. So lässt ihre Annäherung
an Christiane zwar manche Frage offen, die vielleicht mangels Dokumenten
nicht zu beantworten ist. Das tut dem Buch jedoch insgesamt keinen
Abbruch.
Bemerkenswert
ist, wie sorgfältig die Autorin der Herkunft von Christiane Vulpius
nachgeht. Es entsteht eine eindringliche Darstellung des Elends verarmter
kleinbürgerlicher Männer, die über Jahre hinweg in erniedrigenden und
unterwürfigen Bittbriefen um eine Stellung bei Hof nachsuchen müssen.
Die hässliche Seite der entstehenden Bürokratie wird hier am
Einzelbeispiel deutlich. Um so schärfer tritt zu Tage, wie sehr Goethe
der privilegierte Günstling des Herzogs von Weimar ist. Als erwachsener
Mann geht er kein wirklich soziales Risiko ein, auch nicht, als er mit
Christiane und seinem unehelichen Sohn zusammenzieht. Vielmehr versteht er
es, sich die Gunst des Herzogs von Weimar zu erhalten. Goethe hat die Nähe
zur Macht gesucht, wie Sigrid Damm feststellt (S. 401).
Diesem solide verbeamteten Mann, der sogar ein Todesurteil gegen eine
Kindsmörderin befürwortet (S.82), habe ich beim Lesen nur mäßig
Sympathie entgegengebracht. Trotzdem hat Sigrid Damm mich neugierig auf
den Dichter gemacht. Zum ersten Mal seit Schulzeiten habe ich wieder nach
Goethes Gedichten und Romanen gegriffen. Mit ihrer Annäherung an das
Leben und den Alltag von Christiane Vulpius hat die Autorin ihren
Leserinnen den Blick frei gemacht für ein neues, kritisches Interesse an
Goethe, seiner Lebensgefährtin und ihrer Zeit.
Gisela
Medzeg ist
schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin, engagiert sich seit
den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten gegen sexuelle
Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und Leiden der
Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in
Ludwigshafen am Rhein.
 
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Insel: 2000 Seitenzahl: 544
ISBN: 3-458-17037-5 Preis: 11,0 EUR, 21,50 sFr. |
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Anita Heiliger |
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Täterstrategien und Prävention - Sexueller Missbrauch an Mädchen innerhalb familialer und familienähnlicher
Strukturen |
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Rezensentin: Gisela Medzeg Aus der Sicht betroffener Mädchen und Frauen analysiert Anita Heiliger die
Strategien gewalttätiger Männer und bestätigt die feministische Erkenntnis: Sexueller
Missbrauch ist Machtmissbrauch, weder unkontrollierter Triebdurchbruch noch Krankheit.
In den Berichten der Opfer spiegelt sich die zielstrebige Konsequenz, mit der Täter
vorgehen. Sie suchen sich ihr Opfer aus, machen sich das Kind - meist ein Mädchen -
gefügig, setzen dabei die Mittel ein, die nach ihrer Einschätzung am ehesten zum Erfolg
führen, isolieren das Mädchen und manipulieren dessen soziales Umfeld, um nicht entdeckt
zu werden. Dabei lassen sie sich, wenn es erforderlich ist, viel Zeit. Für sich selbst
basteln sie eine Lügengeschichte zusammen, die ihre Untat rechtfertigt. Wird ein Täter
entdeckt und vor Gericht gestellt, arbeitet er mit dieser verlogenen Rechtfertigung und
entzieht sich der Verantwortung für sein Verbrechen. Für
ihre Untersuchung hat Anita Heiliger ausführliche Interviews mit sieben Mädchen und vier
erwachsenen Frauen durchgeführt. Sie hat 29 Gerichtsakten ausgewertet und für einige
Wochen ein Projekt "Betroffene in der Auseinandersetzung mit pädosexuellen
Straftätern im Maßregelvollzug" begleitet.
So unterschiedlich das Verhalten der Täter im Einzelfall auch ist, so spiegelt sich in
Vorgehensweise und Rechtfertigung die herrschende Geschlechtshierarchie: Mädchen und
Frauen haben Männern sexuell verfügbar zu sein; Töchter und Mütter, jüngere und
ältere Frauen, werden konsequent gegeneinander ausgespielt; die gesellschaftlichen
Institutionen schützen eher Täter als Opfer.
Von einem angemessenem Opferschutz kann hierzulande nicht die Rede sein: Betroffene
Mädchen und Frauen erfahren nicht einmal, wann ein verurteilter Täter aus dem Gefängnis
entlassen wird.
Die Untersuchung von Anita Heiliger ist spannend zu lesen und macht unmissverständlich
klar: Um den Täterschutz zu beenden und den Opfern sexueller Gewalt die Hilfe und
Unterstützung zu gewähren, die sie brauchen, müssen noch viele Frauen aktiv werden und
sich in Bewegung setzen.
Gisela
Medzeg ist schreibende Feministin und Politikwissenschaftlerin,
engagiert sich seit den 80er Jahren in Selbsthilfe- und Beratungsprojekten
gegen sexuelle Gewalt. Sie wurde im zweiten Weltkrieg geboren, hat Flucht und
Leiden der Nachkriegsjahre als Kleinkind mitmachen müssen und lebt heute in
Ludwigshafen am Rhein.
 
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Frauenoffensive: 2000 Seitenzahl: 198 ISBN: 3-88104-319-5 Preis: 14,40 EUR, 26,50 sFr. |
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